Digitalisierung heißt, den Wandel zu lernen

Digitalisierung muss man wollen, nicht nur erdulden. Das war eine der zentralen Erkenntnisse beim Barcamp Soziale Arbeit 2018. Nach zwei Tagen voller interessanter Sessions rund um die soziale Arbeit der Zukunft ist deutlich geworden: Wer beim Thema Digitalisierung nur ein bisschen mitschwimmt, verliert. Daraus folgt die zweite Erkenntnis: Digitalisierung bedeutet, den Wandel zu lernen.

So war das Barcamp Soziale Arbeit 2018 #sozialcamp in Siegburg.

Digitalisierung ist kein Trend – das klingt viel zu gemütlich. Digitalisierung ist ein Wettlauf, der ist bereits in vollem Gange ist. Das bedeutet: Unternehmen und Organisationen, die Digitalisierung nicht zu einem Kernthema ihrer Unternehmens- und Verbandsentwicklung machen und dafür auch entsprechende Ressourcen zur Verfügung stellen, werden kaum noch zukunftsfähig sein. Alain Veuve geht in seinem Modell der digitalen Transformation sogar davon aus, dass Unternehmen und Verbände, die sich lediglich zu langsam auf den digitalen Wandel einstellen, sterben werden.

Wer zu langsam ist, stirbt

In seinem Modell zeigt Veuve die technologische Entwicklung als exponentiell steigende Kurve, der die Gesellschaft mit einiger zeitlicher Verzögerung folgt. Die digitale Transformation von Unternehmen jedoch verläuft dagegen etwas träger. Selbst durchschnittliche Unternehmen müssen es in diesem Wettlauf aber schaffen, sich immer schneller an den digitale Veränderungen anzupassen. Wer sich dagegen zwar stetig, aber nicht schnell genug, weiterentwickelt, wird vom Markt verschwinden.

Das Modell der digitalen Transformation nach Alain Veuve.

Was müssen Sozialverbände also tun, um im digitalen Wettlauf mitzuhalten?

1. Wir brauchen eine neue Innovationskultur

Wir werden uns daran gewöhnen müssen, soziale Dienstleistungen unter immer neuen Rahmenbedingungen anzubieten. Das bedeutet, dass wir unsere Arbeit in deutlich kürzeren Zeitabständen weiterentwickeln und umorganisieren müssen – auch ohne vorher alles wasserdicht ausdiskutiert und durchkonzeptioniert zu haben. Genauso wie Software-Hersteller ihre Programme möglichst schnell auf dem Markt bringen und erst durch die Rückmeldungen der Kunden alle Programmierfehler aufdecken und ausbessern, so werden auch wir den Mut brauchen, Projekte und Angebote in „unfertigem“ Zustand an den Start zubringen. Und bei aller Innovation brauchen wir eine ehrliche Fehlerkultur, in der auch das Scheitern möglich und erlaubt ist.

2. Wir brauchen Ressourcen

Wer in der Welt von morgen noch bestehen will, muss zwangsläufig Ressourcen für die Digitalisierung bereitstellen. Zwar sind heute in der Regel keine großen eigenen Serverkapazitäten mehr als technische Basis nötig, dennoch kostet Digitalisierung Zeit-, Geld- und Personalressourcen. Das Thema Digitalisierung und Innovationsmanagement muss fest in Organisationen verankert werden mit klaren Zuständigkeiten und verbindlichen Zielen in allen Arbeitsbereichen. Organisationen, die nicht spür- und sichtbar Ressourcen für Digitalisierung bereitstellen, überlassen ihre Zukunftsfähigkeit dem Zufall.

3. Wir brauchen echte Marketing-Abteilungen

Die Zeiten, in denen Wohlfahrtsverbände ihre Leistungen nicht vermarkten mussten, sind lange vorbei. Und der Trend geht weiter: Marketing wird heute immer mehr zum Wettbewerbsvorteil, ja sogar zur Kernkompetenz moderner Unternehmen. Viele Startups, aber auch andere Unternehmen, haben Beschaffung, Produktion und Logistik komplett ausgelagert und bestehen praktisch nur aus einem kleinen Kernteam, das die Geschäftsidee weiterentwickelt und sie vermarktet. Dagegen gibt es praktisch keinen Wohlfahrtsverband mit einer echten Marketingabteilung, die sich wirklich um die Vermarktung von Leistungen kümmert – also neben der Kommunikation auch um die Gestaltung von Produkt, Preis und Vertrieb.

4. Wir müssen digital anschlussfähig werden

Ein Phänomen der Digitalisierung ist die Entstehung neuer digitaler Plattformen als Zugangswege zu Dienstleistungen. An dieser Stelle müssen soziale Organisationen und Verbände digital anschlussfähig werden. Das heißt: Es muss organisatorisch sichergestellt sein, dass ein Verband alle wesentlichen Leistungen auf allen wesentlichen Plattformen anbietet und Anfragen und zeitnah (also auch abends und am Wochenende) bedienen kann. Dafür braucht es neben Know-How vor allem flexible Organisationsstrukturen.

Und bei allen Widerständen sollten wir diese Gewissheit nicht verlieren: Die Kernkompetenzen, die in einer digitalisierten Welt gefordert sind, sind in weiten Teilen auch sozialarbeiterische Kompetenzen. Denn es geht immer noch darum, die Problemlagen und Bedürfnisse von Menschen zu erkennen, ihnen beizustehen und bei der Lösung zu helfen – lediglich in anderen Formen und auf anderen Wegen.

1 Kommentar

  1. Vielen Dank lieber Tobias für diesen Beitrag. Finde besonders die Marketing-These spannend. Es bleibt abzuwarten, ob der Innovationsdruck für Wohlfahrtsverbände spürbar steigt. Andernfalls wird es m. E. sehr schwer digitale Transformation in den bestehenden Strukturen voran zu treiben.

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